Interview mit Ex-Profisportlerin Barbara Aigner
01.09.2025
01.09.2025
Vorweg einmal herzlichen Dank für die Bereitschaft für dieses Interview. Du hast dich im Pflege- und Betreuungszentrum Gloggnitz (kurz PBZ Gloggnitz) bereits sehr gut eingelebt. Die Bewohnerinnen und Bewohner sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des PBZ durften dich schon etwas kennen und schätzen lernen. Wir erleben dich als quirligen und sehr kommunikativen Menschen, der unser Team und unser Haus bereichert. Ich bin gespannt darauf dich im Zuge dieses Interviews noch ein wenig näher kennen zu lernen und noch ein wenig mehr über Dich zu erfahren.
Du durftest während deiner Karriere im Parasport Ski Alpin Nationalkader viele sportliche Erfolge feiern und hast unter anderem bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 eine Silber- und eine Bronze-Medaille gewonnen. Wie bist du zum Leistungssport gekommen?
Die meisten denken durch meine Eltern, aber eher durch meine Geschwister und durch die Teilnahme an einem Skikurs am Semmering. Meine älteren Geschwister Irmgard und Elisabeth hatten den Wunsch in eine Ski-Mittelschule zu gehen. Nach Recherche der Möglichkeiten in der Region wurden sie in der Mittelschule Lilienfeld fündig und aufgenommen. Anfänglich war es zwar für Lehrerinnnen und Lehrer etwas ungewohnt, aber alle haben schnell mit der Situation umgehen können und Lösungen gefunden. Nachdem auch meine dritte Schwester, Veronika, denselben Weg gegangen ist und aufgrund der guten Erfahrungen meiner Geschwister bin ich gemeinsam mit Zwillingsbruder Johannes ebenso in die Mittelschule Lilienfeld gegangen. Hier habe ich die Freude am Skifahren entdeckt und sozusagen „Feuer gefangen“. Schnell haben sich auch erste Erfolge bei Wettkämpfen eingestellt.
Was war für dich der emotionalste Moment deiner sportlichen Laufbahn?
Es gibt viele, aber bei der ersten WM in Lillehammer, beim ersten Riesentorlauf, der Gewinn der Goldmedaille im Jahr 2021, das war ein toller Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Danach würde ich die Paralympics in Peking 2022 nennen, bei Riesentorlauf und Slalom gemeinsam mit Veronika und Elisabeth am Podest zu stehen, das war etwas ganz Besonderes.
Welche persönlichen und sportlichen Herausforderungen musstest du währenden deiner Karriere meistern?
Größere verletzungsbedingte Herausforderungen sind Gott sei Dank ausgeblieben und ich bin gut durch die Saisonen gekommen. Aber nach meiner einjährigen Pause wieder aufs Stockerl zu kommen, das war eine Herausforderung und schwerer als gedacht. Oder bei meiner ersten WM, beim 2. Rennen im Slalom, da bin ich auf Siegeskurs 5 Tore vor dem Ziel ausgefallen. Das war für mich ein herber Rückschlag. Der schnelle Erfolg war teilweise eine mentale Herausforderung. Aber gegen Ende meiner Karriere war ich mental auf meinem Höhepunkt, habe mich sehr weiterentwickelt und bin stetig an den Herausforderungen gewachsen.
Ihr seid fünf Kinder zuhause, das heißt du hast 4 Geschwister, die auch teilweise nach wie vor sportlich erfolgreich sind. Wie kann man sich euer Zusammenleben vorstellen? Gibt es manchmal Streit? Verspürtest du während deiner Sportkarriere Konkurrenz, oder habt Ihr euch gegenseitig unterstützt? Beschreib ein wenig euer Miteinander und den Alltag während deiner aktiven Zeit als Leistungssportlerin.
Das werde ich öfters gefragt. Bei uns gibt es tatsächlich kaum Streit, auch bei Wettkämpfen kann sich eine für die andere freuen. Natürlich sind wir auch Konkurrentinnen, aber wir haben uns immer gegenseitig gepusht. Es war eine sehr schöne Zeit und hat uns zusammengeschweißt.
Bist du sehr ehrgeizig?
Ja, das bin ich. Bei mir muss es immer laufen. Ich will immer schauen, dass es perfekt läuft, bin aber auch bedacht, dass nicht passiert.
Du hattest im Verlauf deiner Sportkarriere Kontakt mit zahlreichen Prominenten und einflussreichen Menschen. Welche Begegnung(en) bzw. Persönlichkeiten haben dich am meisten beindruckt und warum?
Das waren wirklich einige. Sportlich haben mich im Bereich Judo Michaela Polleres und Bernadette Graf fasziniert, das sind taffe Mädls. Im Skisport war es Mikaela Shiffrin, die mich besonders beeindruckt hat. Aber auch meine Geschwister, vor allem bei Super-G und Abfahrt, da sind sie ganz toll unterwegs. Oder auch das Comeback von Veronika nach ihrem Kreuzbandriss hat beeindruckt, insbesondere im Super-G, Hut ab kann ich da nur sagen. Politische Persönlichkeiten waren auch dabei, aber hier hatte ich eher seltener Kontakt. Unsere Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner finde ich sehr cool.
Was nimmst du aus deinen Erfahrungen und Erlebnissen aus dem Profisport mit für dein jetziges und zukünftiges Leben mit? Was davon hilft dir persönlich und beruflich?
Ich bin froh ins Berufsleben eingestiegen zu sein. Im Sport war ich viel unterwegs und du musst schnell überall reinfinden. Dadurch wird man selbstständiger, was natürlich sehr gut ist. Als Kind war ich zudem eher schüchtern und wollte keine Interviews geben. Persönlich habe ich mich durch den Sport und was alles damit verbunden ist, sehr entwickelt, vor allem das schnellere Eingewöhnen und mich schnell zurecht zu finden, dabei hat das Leben als Profisportlerin sehr geholfen.
Wie bist du darauf gekommen, dich im Pflege- und Betreuungszentrum Gloggnitz zu bewerben? Warum hast du dich für die Alltagsbegleitung im Langzeitpflegebereich entschieden?
Es war lustig. Bei einem Treffen mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner beim Opernball hat sie mich angesprochen, dass sie gehört hat, dass ich meine Sportkarriere beendet habe und hat mich gefragt, was ich beruflich machen möchte. Ich hatte damals eine Trainee-Ausbildung bei Spar Österreich absolviert. Dann hatte ich auch noch einen Termin bei der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen. Für mich stand fest, ich möchte etwas mit Bewegung machen, nicht nur im Büro sitzen. So hat es sich nach und nach entwickelt, dass das PBZ Gloggnitz eine sehr gute Möglichkeit für mich wäre und in der Nähe meiner Heimat. Ich habe eine Bewerbung geschickt und bei meinem Bewerbungsgespräch sind wir schnell auf die Alltagsbegleitung als passendes Aufgabenfeld gekommen. Nach einem Schnuppertag stand für mich fest, dass das richtige für mich ist.
Du bist nun schon ein paar Wochen im Haus und hast dich wie gesagt sehr gut eingelebt. Wie war die Anfangsphase für dich? Was waren die Herausforderungen bei deinem Einstieg ins Berufsleben? Was ist dir leichtgefallen?
Die ersten Wochen waren schon eine Herausforderung, insbesondere der Ablauf im PBZ, der sehr strukturiert ist. Personen muss ich mit dem Hören erkennen und es sind sehr viele Menschen, die ich kennen gelernt habe und mir merken musste. Das war schon anspruchsvoll. Im Haus selbst habe ich mich relativ schnell orientieren können. Leicht gefallen ist mir Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern aufzunehmen und dies macht mir auch großen Spaß. Am liebsten bin ich im Bereich der individuellen Betreuung tätig und höre den Menschen auch mal gerne zu.
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie Du Dich trotz Deiner Sehbeeinträchtigung im Haus zurechtfindest. Du hast auch schon Bewohnerinnen und Bewohner abgeholt. Hast du besondere Tricks für die Orientierung?
Manchmal lande ich schon im falschen Stock, aber meistens fahren wir mit dem Lift und dann ist dies kein Problem. Wenn man die Bewohnerinnen und Bewohner aufs Zimmer bringt, weiß man mit der Zeit in welchem Wohnbereich sie wohnen und das klappt inzwischen sehr gut. Besondere Tricks habe ich keine (lacht).
In deiner Bewerbung hast du als Hobbies Hühnerzucht, Judo und Lebensmittel nachhaltig produzieren und verarbeiten angegeben. Du bist nach wie vor sportlich sehr aktiv. Worin findest du deinen Ausgleich, was erdet Dich?
Ich beschäftige mich mit Nachhaltigkeit in der Hühnerzucht, das ist mir wichtig. Die Eier werden verkauft. Den Kontakt mit Tieren mag ich sehr gerne und macht mir Spaß. Viele Aufgaben am Hof teilen wir uns unter den Geschwistern auf. Im Sport ist momentan Judo die Nummer 1 und macht mir sehr viel Freude, betreibe ich zurzeit aber nur als Hobby. Aufgrund meines verletzten kleinen Fingers kann ich momentan keine Wettkämpfe bestreiten, möchte ich zukünftig aber schon auch. Bewegung ist generell ein wichtiger Ausgleich.
Was machst du gerne bei uns im PBZ? Was vielleicht nicht so gerne?
Besonders gerne führe ich Gespräche und mache die individuelle Betreuung für die Bewohnerinnen und Bewohner. Hmmm, nicht so gerne (überlegt). Fällt mir so spontan eigentlich nichts ein. Muss ich echt überlegen, aber ich hatte noch nichts, was mir nicht gefallen hat.
Hattest du bereits besondere Begegnungen oder Momente mit Bewohnerinnen und Bewohnern und erste schöne Erinnerungen bei uns im Haus?
Schön war, ich glaub das erste Mal beim Singen in der Kapelle. Eine Bewohnerin hat zu weinen begonnen, weil sie sich so gefreut hat. Sie hat gesagt: „Das ich das noch erleben darf.“ Das war mein erster schöner Moment, an den ich mich erinnere und auch ein wenig traurig zugleich. Führt einem ein wenig die Vergänglichkeit vor Augen.
Wie steht es um die Unterstützung im Team? Fühlst du du dich gut aufgehoben bei uns?
Ich wurde schnell aufgenommen und akzeptiert, alles wurde mir gut erklärt. Wenn ich Hilfe benötige, ist jederzeit jemand für mich da. Ich glaube mich mögen auch alle im Haus und ich fühle mich wohl. Meistens haben wir viel Spaß (lacht).
Wenn du auf die letzten Wochen im PBZ Gloggnitz und deinen Berufseinstieg zurückblickst, was macht dich besonders stolz?
Ähm, was mich besonders stolz macht ist, dass mich jeder akzeptiert und ich mich gut zurechtfinde. Das ist nicht selbstverständlich und das Team der Alltagsbegleitung und alle anderen Kolleginnen und Kollegen sind fein. Das passt wirklich sehr gut.
Das freut uns! Was möchtest du jungen Menschen – mit und ohne Beeinträchtigung – gerne mit auf deren Weg geben, damit sie ihr Leben und Herausforderungen gut meistern können.
Also, mir ist immer wichtig alles auszuprobieren, egal ob es einem leicht fällt und man es kann oder nicht. Ich denke Eltern sollten ihre Kinder nicht in den „goldenen Käfig“ sperren und einfach oft machen lassen. Für den Beruf sollten junge Menschen ihre Interessen herausfinden und was ihnen Spaß macht weiterverfolgen und einfach ihren individuellen Weg gehen. Lösungen findet man immer.
Also man könnte sagen: Mehr machen und ausprobieren, und nicht immer zu sehr darüber nachdenken. Das ist ein schöner Schlusssatz wie ich finde. Vielen Dank für das angenehme Gespräch und weiterhin alles Gute, persönlich wie beruflich. Wir sind sehr froh und stolz dich im Team zu haben.